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Ärzte fordern Anerkennung der Tabakabhängigkeit als Krankheit

Tabakindustrie fürchtet Image-Verlust

[22.11.2008/pk] Deutschlands Ärzte fordern, Rauchen und Tabakabhängigkeit als Krankheit anzuerkennen. Dieser Vorstoß wird von Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) unterstützt. Dazu die Ärztekammer bei einer Anhörung mit der Bundesdrogenbeauftragten Sabine Bätzing: "Es gehe beim Rauchen nicht um ein 'Lifestyle'-Problem, das man durch den eigenen Willen oder Gruppengespräche lösen könne".

Nach Aussage der Ärzte ist die Vorbeugung der Drogenbeauftragten unzureichend, da es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Raucher um "Abhängigkeitserkrankte" handele. Das Angebot von Nichtraucherkursen ist in vielen Gebieten Deutschlands völlig unzulänglich, und spreche zudem die Unterschicht nicht an, in der die Tabaksucht den höchsten Verbreitungsgrad erreicht.

KBV-Sprecher Roland Stahl bezeichnete gegenüber der Kölnischen Rundschau die Tabakabhängigkeit als "Suchtkrankheit wie etwa Alkoholismus". Mit der gesetzlichen Anerkennung der Tabakabhängigkeit als Krankheit könnte die medizinische Tabakentwöhnung von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Bislang sind "Arzneimittel zur Raucherentwöhnung sind gesetzlich ausgeschlossen". So gelten Nikotinpflaster als nicht erstattungsfähige "Lifestyle-Medikamente".

Nach einer im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) durchgeführten repräsentativen infas-Umfrage wollen 54 Prozent der Raucher aktuell mit dem Rauchen aufhören. Diesem Willen steht jedoch eine äußerst magere Erfolgsbilanz gegenüber. Gründe dafür sind unter anderem Zusatzstoffe in den Zigaretten, insbesondere Ammoniakverbindungen, die die Suchtwirkung des Nikotins verstärken, und den Aufhörwilligen einen Ausstieg stark erschweren. Außerdem sind gerade Ex-Raucher einem extremen Gruppenzwang ausgesetzt, so dass sie sehr häufig und sehr schnell wieder rückfällig werden. Deshalb kämpft die Tabakindustrie mit Hilfe der Gastronomenverbände so vehement um die allgegenwärtigen Konsummöglichkeiten.

Anders als von manchen Medien und eigennützigerweise auch von der Tabaklobby immer wieder suggeriert, geht es bei dieser Debatte jedoch nicht um die Gesamtheit der Raucher, sondern ausdrücklich um die abhängigen Raucher. Dazu erläutert die Ärztezeitung: "Dass Süchtige krank sind, darüber dürfte es eigentlich keinen Streit geben, denn das ist in der ICD-10 eindeutig geregelt. So wird in Kapitel V 'Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen' (F10-F19) unter 'Abhängigkeitssystem' Tabak explizit erwähnt und unter F17 noch einmal gesondert gelistet. Auch das in diesem Zusammenhang aufgeführte 'Entzugssyndrom' ist auf viele Gewohnheitsraucher, die ihrer Sucht abschwören wollen, anzuwenden."

Trotz der stichhaltigen Argumente für eine Anerkennung der Tabakabhängigkeit als Krankheit sperren sich die Krankenkassen gegen den Vorschlag. Denn mit dessen Umsetzung wären neue Honorarregeln erforderlich. Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Krankenkassen, äußerte gegenüber der Frankfurter Rundschau, man sehe aber keinen besonderen Vergütungsbedarf.

Die Tabakindustrie sieht durch diesen Vorstoß ihr lukratives Drogengeschäft in Gefahr und reagiert entrüstet auf diese angeblich "absurde Forderung der Ärzte", so British American Tobacco (BAT). BAT-Sprecher Ralf Leinweber äußerte gegenüber dem Abendblatt: "Damit würden in Deutschland 20 Millionen Menschen als Kranke deklariert". Marianne Tritz, Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbandes (DZV), wetterte: "Ich halte diesen Vorschlag für krank!"

Bekanntermaßen ist die Tabakindustrie jedoch weder eine Konkurrenz noch eine Unterstützung für Kranken- oder auch so genannte "Gesundheitskassen". Den Zigarettenherstellern geht es keineswegs um die Gesundheit ihrer Kunden. Diese müssen nur lange genug als Melkkuh für die Tabakindustrie leben, bis ausreichend Nachwuchs zur Nikotindroge verführt ist, um die jährlich mehr als 100.000 Tabakopfer wieder auszugleichen. Zudem ist die im Vorschlag der Ärztevertreter enthaltene schonungslose Wahrheit, dass Rauchen Siechtum und Tod nach sich zieht, für das Marketing von Tabakdrogen aus strategischer Sicht derart schädlich, dass sie um jeden Preis bekämpft werden muss.

Die ganze Diskussion dreht sich letztlich darum, wer für den Schaden der unseligen Qualmerei aufkommen muss. Bislang werden die Kosten undifferenziert auf die gesamte Gesellschaft verteilt. Frei nach dem altbekannten Motto "Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren" streicht die Tabakindustrie als Verursacher und Profiteur der Misere Milliardengewinne in die eigene Tasche. Die Allgemeinheit bleibt auf den Schäden sitzen, die selbst die nicht ganz unansehlichen Tabaksteuereinnahmen deutlich in den Schatten stellen.

Fazit: Die Schaffung eines von Politik und Tabakindustrie unabbhängigen Entschädigungsfonds für Tabakopfer und ihre Hinterbliebenen ist unerlässlich. Für die Basisfinanzierung ist die Einbringung der Tabaksteuereinnahmen der erste Schritt, um wenigstens einen Teil der laufenden Kosten für ärztliche Behandlungen, Arbeitsausfälle oder auch Beerdigungskosten der Tabakopfer und eine Grundrente für die Hinterbliebenen decken zu können. Im nächsten Schritt ist der Einzug des gesamten Vermögens der Tod bringenden Tabakdrogenindustrie notwendig, um die von ihr angerichteten Schäden über den Entschädigungsfonds wenigstens ansatzweise auszugleichen.


Quellen und weitere Informationen:

Beschwerdeautomat
Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen
Petition und Politikeranschreiben für rauchfreie Krankenhäuser
Tabaklobby
Politik
Marianne Tritz
Gesundheitswesen
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