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Nikotinpräparate bei der Entwöhnung wenig hilfreich

Tabaklobby und Pharmalobby im gleichen Boot

[14.01.2012/pk] Zum Jahresanfang führt der Traum, mit dem Rauchen aufzuhören, die Hitlisten der guten Vorsätze an. Dies ist nicht verwunderlich, auch wenn die Tabakindustrie noch so sehr auf diesen angeblichen Genuss schwört. Bemerkenswert daran ist, dass dieser Wunsch einer Minderheit von weniger als 30 Prozent der Bevölkerung derart ausgeprägt ist, um für einen solchen Spitzenplatz in der Gesamtwertung auszureichen.

Pharmalobbyisten bieten bei dieser Gelegenheit gerne ihre Mittelchen wie Nikotinpflaster, -kaugummis und -lutschbonbons als Entwöhnungshilfen an. Diese sollen den Körper mit dem Suchtstoff versorgen, um die ersten Entzugserscheinungen zu überbrücken. Die Hersteller versprechen, dass ihre Produkte die schädlichen Nebenwirkungen das Tabakkonsums auf Herz und Lunge vermeiden, und durch die alternative Versorgung mit dem Nervengift Nikotin dem Raucher die Abstinenz vom gewohnten Glimmstängel erleichtern würden.

Diese Nikotinpräparate, die rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind, sind nach einer aktuellen Harvard-Studie jedoch weitestgehend nutzlos. Die Wissenschaftler von der Harvard School of Public Health kamen in ihrer Forschungsarbeit zum Schluss, dass letztlich alleine die Willenskraft entscheidend ist, ob Raucher sich von ihrer Nikotinabhängigkeit befreien können.

Die Forscher begleiteten 787 Exraucher, die kurz vor Beginn der Studie den Glimmstängel aus ihrem Leben verbannt hatten, mit ihrer Studie über mehrere Jahre hinweg. In gleichbleibenden Abständen ermittelten sie den Erfolg der Ausstiegsbemühungen der Probanden. Dabei protokollierten sie auch, mit welchen Mitteln die Aufhörwilligen sich von ihrer Sucht zu befreien versuchten, ob sie neben Nikotinersatzpräparaten weitere therapeutische Hilfe in Anspruch nahmen und wie stark sie zuvor der Sucht verfallen waren.

Der Untersuchung zu Folge scheiterten in jedem der drei Untersuchungszeiträume etwa ein Drittel der noch verbliebenen Nikotinaussteiger. Dabei schnitten die Probanden, die es ausschließlich mit Willenskraft vesucht hatten, ebenso gut ab, wie die Kandidaten, die mehr als sechs Wochen lang Nikotinersatzprodukte zur Unterstützung angewendet hatten. Auch der Ratschlag professioneller Therapeuten konnte die Erfolgsaussichten einer Therapie nicht messbar verbessern.

Das Ergebnis der Harvard-Studie wird vom Institut für Therapieforschung in München bestätigt. Die Erkenntnisse des Instituts konnten bei aufhörwilligen Teilnehmern von Gruppensitzungen keine erhöhten Erfolgschancen durch Pflaster und Pillen feststellen.

Angesichts dieser entmutigenden Ergebnisse bezüglich Nikotinersatzpräparaten erscheint eine Reflektion des Klischees von der Pharmaindustrie als angeblichem Gegner der Tabakindustrie interessant. Vertreter der Tabaklobbyfraktion verdrehen gerne die Tatsachen, indem sie ihren erklärten Feind, den Nichtraucher, nicht nur als "militanten Antiraucher", sondern auch noch als angeblich von der Pharmalobby gesponserte Marionette diffamieren. Mit einer solchen primitiven Retourkutsche verkehren die Raucherlobbyisten einfach die inzwischen bekannt gewordenen jahrzehntelangen Manipulationen von Politik, Wissenschaft und Presse durch die Tabakindustrie ins Gegenteil.

Dieses Feindbild von der Pharmaindustrie als Gegner der Tabakindustrie geht jedoch weit an der Realität vorbei, wie der Journalist Dietmar Jazbinsek herausgefunden hat. Vertreter der beiden Industriezweige treffen sich in nationalen und internationalen Gremien wie dem "European Policy Centre" in Brüssel oder dem "Institute of Business Ethics" in London. Ähnliches gilt für Wirtschaftsverbände wie "Business Europe", informelle und formelle Netzwerke wie "KangarooGroup", "American European Community Association", "European Justice Forum", "European Round Table of Industrialists" und weitere.

Auffällig ist, so Jazbinsek, dass am Ende "immer eine Politik pro Tabak und contra Nichtraucherschutz herauskommt", selbst wenn es gelegentlich Differenzen zwischen den beiden Seiten geben sollte. Nicht anders läuft die Sache bei nationalen Interessenverbänden wie dem Markenverband und dem Zentralverband der Werbewirtschaft: "Was die Verbände fordern, ist völlig einseitig das, was sich die Tabakindustrie auf die Fahne geschrieben hat". Oder beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), der offensichtlich widerspruchslos die Interessen der Tabakindustrie vertritt, und sich kritiklos für Tabak und gegen die WHO-Rahmenvereinbarung zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC) stellt.

Inzwischen wurden aus den Finanznachrichten die ersten Fälle bekannt, in denen sich die Tabakindustrie offen bei Herstellern von Entwöhnungshilfen eingekauft hat. Auch einige Produzenten so genannter rauchfreier Tabakprodukte sowie alternativer Nikotindrogen haben sich diverse Tabakdrogenhersteller bereits einverleibt. Die Nikotindrogenproduzenten haben nur ein Interesse: an der Sucht mit der Droge aus dem Tabakblatt viel Geld zu verdienen. Denn kein anderer Geschäftszweig sichert derartig hohe und langfristige Erträge wie das Geschäft mit der (Nikotin-)Sucht.

Nach diesem Exkurs zurück zum eigentlichen Thema, wie Raucher sich aus den Klauen der Nikotinsucht befreien können. Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, kämpft der Public-Health-Professor Simon Chapman von der Universität Sydney "seit Jahren gegen die Medikalisierung des Rauchstopps". Chapman, der sich durch die Ergebnisse der Harvard-Studie bestätigt sieht, kritisiert die Suggestionen der Pharmawerbung, nach der ein Ausstieg nur mit reiner Willenskraft und ohne Medikamente angeblich aussichtslos sei. Dabei hätten es in der Praxis fast drei Viertel der Exraucher nur ihrer eigenen Entschlossenheit zu verdanken, dass sie sich von der Tabakdroge befreien konnten.

In Deutschland sind es nach Angaben von Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sogar 90 Prozent aller Exraucher, die den Austieg ohne Medikamente geschafft haben. Die Ärztin sieht einen potenziellen Nutzen von Nikotinpräparaten allenfalls für den Extremfall schwerstabhängiger und schwerkranker Raucher, die den Austieg ohne medikamentöse Unterstützung nicht schaffen würden.

Chapman und Pötschke-Langer sind überzeugt, dass die meisten Raucher mehr Ermutigung benötigen, um den Ausstieg auch ohne die vermeintliche Hilfe der Pharmaindustrie zu bewältigen. Diejenigen Studie, die derartigen Medikamenten einen positiven Nutzen bescheinigten, wurden überwiegend von den Herstellern gesponsert. Dagegen ergab nur ein Fünftel der unabhängigen Untersuchungen, dass diese Präparate hilfreich wären. Die Pharmaindustrie hat in Bezug auf gesponserte Studien offensichtlich schon einiges von der Tabakindustrie gelernt.

Fazit: Jeder Raucher, der nicht ewig als Spielball zwischen Tabak- und Phramaindustrie gefangen bleiben möchte, muss sich selbst aus diesem Teufelskreis der Nikotinsucht befreien. Nach den Erfahrungen vieler Exraucher ist der Ausstieg aus der Nikotinsucht leichter gewesen als erwartet, obwohl meist mehrere Anläufe dazu erforderlich waren. Ein Versuch stellt kein Risiko dar. Wenn der erste Versuch misslingt, kann man den zweiten umso besser vorbereitet angehen. Um den Klauen dar Tabakdrogenindustrie zu entkommen, für die sich Raucher zur Melkkuh degradieren und krank machen lassen, ist der Preis äußerst gering. Ein rauchfreies Leben bietet nur Vorteile, und genießt in der Gesellschaft ein höheres Ansehen.


Quellen und weitere Informationen:

Anmerkungen:

Die E-Zigarette ist noch nicht lange genug auf dem Markt, um bei der angesprochenen Studie berücksichtigt zu werden. Da jedoch der gleiche Wirkstoff zum Einsatz kommt, nämlich das Suchtmittel Nikotin, ist angesichts der hierbei gewonnenen Erkenntnisse anzunehmen, dass diese ebenso nutzlos bei einer Nikotinentwöhnung ist.
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