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Philip Morris gegen Uruguay

Tödlicher Angriff der Tabakriesen


Tabakindustrie steigerte heimlich Nikotinanteil ihrer Produkte

US-Studie deckt jahrelange Täuschung und Manipulation auf

[26.05.2007/pk] Eine nun veröffentlichte unabhängige Studie der Harvard School of Public Health offenbart, dass die Tabakfirmen in den letzten Jahren den Nikotinanteil in Zigaretten kontinuierlich gesteigert haben. Die Forscher des "Massachusetts Department of Public Health" berichten, der Nikotinanteil sei im Untersuchungszeitraum von 1998 bis 2005 insgesamt um 11 Prozent gestiegen. Das entspricht einer jährlichen Steigerung von durchschnittlich 1,6 Prozent.

Die Erhöhung des Nikotinanteils der bekannten Markenzigaretten erfolgte jedoch klammheimlich, ohne dass die Verbraucher darüber informiert wurden. Philip Morris behauptet jedoch auf ihrer "Corporate Social Responsibility"-Webseite frech: "Unser oberstes Ziel ist es, weiterhin die Risiken des Rauchens zu kommunizieren, ein weniger schädliches Produkt zu entwickeln, und, allgemeiner gesprochen, dabei zu helfen, den Schaden, den das Rauchen verursacht, zu reduzieren."

Dazu Dr. Howard Koh, Leiter der Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege an der Harvard School of Public Health (HSPH), in einer Pressemitteilung: "Zigaretten sind fein abgestimmte, Drogen liefernde Bauteile zur Aufrechterhaltung einer Tabakpandemie. Informationen über diese Produkte bleiben sogar in Geheimnisse gehüllt, die vor der Öffentlichkeit vorborgen werden. Die Politik zwingt die Tabakindustrie heute, kritische Informationen über Nikotin und das Produktdesign zugänglich zu machen, was die nächste Generation vor der Tragödie der Abhängigkeit bewahren könnte."

Die Studie beinhaltet Messdaten über Nikotinmengen und Zusammensetzungen der Inhaltsstoffe von Zigaretten im Verhältnis zum Nikotinanteil. Demnach stieg der Nikotingehalt im Rauch bei den vier dominierenden Tabakmultis in allen Markenbereichen. Also in der gesamten Produktpalette von normalen Zigaretten, bei so genannten Full-Flavor- und Mentholzigaretten, aber auch in den irreführend als Light und Ultra-Light bezeichneten Tabakwaren.

Die Forscher der HSPH ermittelten nicht nur die Steigerungrate des Nikotinanteils, über die erstmals im August 2006 berichtet wurde. Neben der Analyse aller Marktkategorien befassten sich die Wissenschaftler eingehend mit der Frage, wie die Tabakindustrie die Steigerung erzielte. Die Forscher sind sich darüber einig, dass die Tabakwarenhersteller nicht nur den Nikotinanteil im Tabak erhöht haben, sondern sie ihre "Zigaretten so veränderten, dass mehr Züge pro Zigarette geraucht werden sollten". In der Realität bedeutet das ein erhöhtes Suchtrisiko des Rauchens.

Wie passt das mit der Behauptung von Philip Morris zusammen, angeblich bemüht zu sein, "ein weniger schädliches Produkt zu entwickeln"? Nikotin ist der Stoff in Zigaretten, der als Hauptsuchtfaktor verantwortlich gemacht wird. Die Abbauprodukte des Nikotins sind mit die wichtigsten Krebs erzeugenden Substanzen. Und nicht zu vergessen, dass es sogar nikotinfreie Zigaretten gibt, die sogar aus echtem Tabak bestehen, dem die Nikotinproduktion durch genetische Veränderung abtrainiert wurde.

Dr. Gregory Connolly, Leiter des Programms und Professor für die Praxis der öffentlichen Gesundheitspflege, stellt sich damit die ernsthafte Frage, "inwieweit die Tabakindustrie ihr Streben, den Raucher abhängig zu machen, nach dem Unterzeichnen des Master Settlement Agreement von 1998, überhaupt geändert habe". Die Tabakindustrie hatte sich in den 90er Jahren nach mehreren Schadensersatzklagen im so genannten "Master Settlement Agreement" gegenüber etlichen US-Bundesstaaten zu weit reichenden Zugeständnissen verpflichtet, unter anderem zur Zahlung von mehr als 200 Milliarden US-Dollar Schadenersatz innerhalb von 25 Jahren.

Mit diesem Deal kauften sich die Tabakmultis von weiteren Schadenserssatzklagen der Bundesstaaten frei. Sicherlich kein billiger Ausweg, aber immerhin die Möglichkeit, weiterhin relativ unbehelligt von Politik und Justiz auf Dauer ihre tödlichen Produkte auf den Markt zu werfen. Und die Tabakindustrie gewann dadurch ausreichend Zeit, um für ihren Drogenvertrieb immer neue Schlupflöcher zu schaffen.

"Unsere Analysen zeigen, dass die Firmen seit dem Settlement die Droge Nikotin in ihren Zigaretten fast unmerklich Jahr für Jahr erhöht haben, ohne irgendeine Warnung an die Konsumenten auszusprechen", so Connolly. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erhöhung tatsächlich ausschließlich auf natürliche Schwankungen des Nikotingehalts in den Tabakblättern zurückzuführen sei, wie von den beschuldigten Unternehmen zur Verteidigung behauptet, sei 1 zu 1000.

Gemäß gesetzlichen Regelungen mussten die Zigarettenhersteller jährlich einen Bericht an die Gesundheitsbehörden abliefern, in dem sowohl der Nikotingehalt, ermittelt durch ein maschinelles Messverfahren, als auch Messergebnisse über die abgegebene Nikotinmenge anzugeben waren. Zweifel an der Interpretation der Angaben durch die Tabakindustrie gaben schließlich den Anstoß für die zitierte Studie.

Connolly führt weiter aus, die entdeckte Steigerung des Nikotingehalts im Tabak um 11 Prozent würden die Aussagen der Untersuchungsrichterin Gladys Kessler (im Verfahren US vs. Philip Morris USA et. al.) bestätigen, wonach die Tabakindustrie "den Nikotinanteil zur Erzeugung und Aufrechterhaltung von Sucht kontrollieren können und dies auch tun. ... Um das Ziel zu erreichen, dass der Kunde süchtig bleibt, fließen Selektion und Kombination in das Design der Zigaretten mit ein."

Für Senator Edward M. Kennedy ist dies ein Anlass, einen seiner Gesetzesentwürfe, der vor drei Jahren vom Repräsentantenhaus blockiert worden war, erneut einzubringen. Kennedy beschuldigt die Abgeordneten, an der bestehenden Misere entscheidend mitverantwortlich zu sein: "Der Kongress hat sich zum Komplizen dieser Posse gemacht, indem er sich von der Tabaklobby zur Blockade dieser Gesetzesreform bewegen ließ". Kennedy kommentierte die Veröffentlichung der Studie, "sie sei ein weiterer dramatischer Beweis, dass die Tabakindustrie süchtig danach ist, Millionen junger Menschen süchtig zu machen".

Der demokratische Senator erwartet nun die Zustimmung von Senat und Repräsentantenhaus, wo die Demokraten inzwischen ebenfalls die Mehrheit errungen haben. Vertreter des Gesundheitswesens hoffen, dass damit das Gesetz, "das seit mehr als einem Jahrzehnt diskutiert wird", endlich eingeführt werden kann. Dem kann Studienleiter Connolly nur zustimmen: "Wir haben uns jahrzehntelang auf die Tabakindustrie und ihre Wissenschaft verlassen, und es ist eine Katastrophe. Wir können dieser Industrie nicht vertrauen, sich selbst zu regulieren."

Philip Morris, sowohl in den USA als auch weltweit größter Tabakwarenproduzent, nahm noch am Tag der Veröffentlichung der Studienergebnisse öffentlich Stellung. Die Firma ließ verlautbaren, es hätte zwar Fluktuationen im Nikotingehalt des meistverkauften Marlboro-Produkts gegeben, die Werte von 1997 und 2006 seien jedoch identisch.

Nimmt man diese Aussage etwas genauer unter die Lupe, so entpuppt sie sich als ein rhetorisches Meisterwerk der Manipulationsprofis. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Philip Morris die Jahreszahl 2006 nennt, da die Studie nur bis zum Jahr 2005 lief. Damit reden die Tabakbosse gezielt an den Fakten vorbei, um sich nur durch undifferenzierte Betrachtungsweise, sogar ohne jegliche Unwahrheit zu verbreiten, als Gutmenschen zu präsentieren. In Wahrheit widerspricht diese Aussage jedoch den belastenden Ergebnissen der Studie nicht im Geringsten.


Quellen und weitere Informationen:

Anmerkungen:

Ausgerechnet Philip Morris benutzt in deutschen Werbekampagnen seit geraumer Zeit die Aussage "Die Menge an Nikotin und Teer, die Sie inhalieren, variiert, je nachdem, wie Sie Ihre Cigarette rauchen". Die Tests, die der Tabakonzern an seinen Produkten durchführt, tragen dieser Erkenntnis jedoch keinerlei Rechnung. Diese maschinellen Tests stellen nur einen ganz speziellen Fall dar, dessen Relevanz schon bei Einführung umstritten war. Durch die Erfindung der "elastischen Zigarette" hat die Tabakindustrie die Kluft zwischen diesem einen speziellen Testfall und der tatsächlichen Belastung eines Rauchers so weit es nur irgendwie möglich war vergrößert, und zwar vollkommen bewusst und beabsichtigt.

Die vielbeschworene verantwortungsvolle Haltung der Tabakindustrie entpuppt sich auch hier wieder einmal als eines von vielen wertlosen Lippenbekenntnissen. Die Drogenproduzenten präsentieren sich im Rampenlicht als politisch korrekt, um insgeheim nach Belieben schalten und walten zu können.

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