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Philip Morris finanzierte weltweit über 230 Forschungsprojekte

Zweifelhafte Wissenschaft als Mittel zur Verharmlosung des Passivrauchens

[26.02.2011/pk] Im Jahr 2008 hatte das Forum Rauchfrei in den Tabakindustriedokumenten einen als vertraulich gekennzeichneten Bericht aus dem Jahr 2004 gefunden, nach dem Philip Morris ein weltumspannendes Netz von 234 Forschungsprojekten aufgebaut hatte. Der vordergründige Zweck dieses Netzwerks sollte die Entwicklung von Zigaretten sein, "die das Gesundheitsrisiko des Rauchens senken könnten". Interne Firmendokumente deuten jedoch darauf hin, dass Philip Morris ein weitaus wichtigeres Ziel in der Wiedererlangung seiner wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit sah.

Das Image des Tabakkonzerns war im Jahr 2000, als das "Philip Morris External Research Program" aufgelegt wurde, in der Tat auf einem Tiefpunkt angelangt. Im Rahmen des "Master Settlement Agreement" (MSA) von 1998 musste der Tabakdrogenhersteller nach einer Klage in den USA nicht nur eine Unmenge interner und vertraulicher Dokumente veröffentlichen, sondern sich auch zu Milliardenzahlungen verpflichten, um vor weiteren Schadensersatzforderungen der USA und ihrer Bundesstaaten wegen tabakkonsumbedingter Krankheiten geschützt zu sein.

Mit Hilfe des millionenschweren Forschungsprogramms sollte die in den großen US-Prozessen vollkommen erschütterte wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Tabakindustrie wiederhergestellt werden. Wie das Forum Rauchfrei berichtet, wurde auch eine Reihe hochkarätiger deutscher Wissenschaftler für diese Zwecke rekrutiert. In der Öffentlichkeit rief insbesondere der Fall des Prof. Eckardt Fleck, Kardiologe am Deutschen Herzzentrums in Berlin, große Entrüstung hervor. Weitaus weniger Beachtung fand Prof. Heidi Foth, die sich mehrere Jahre ihrer Forschungstätigkeit und eine Vielzahl von Präsentationen bei Kongressen von Philip Morris bezahlen ließ. Bemerkenswert am Fall Foth ist, dass die Direktorin des Instituts für Umwelttoxikologie der Universität Halle-Wittenberg zum Zeitpunkt des Förderungsbeginns bereits Mitglied im siebenköpfigen Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung war.

Bereits an den vorgenannten beiden Personen lässt sich die Bedeutung und die Tragweite des millionenschweren Engagements des Tabakkonzerns erahnen. Wie eine Analyse in der Fachzeitschrift "Tobacco Control" erläutert, kaufte sich Philip Morris hochkarätige Wissenschaftler in Schlüsselpositionen, um mit deren Hilfe die eigene Reputation wiederzuerlangen, soweit die betreffenden Forscher das Spiel des Nikotindrogenproduzenten nicht durchschauten und eine Beteiligung ablehnten. Mit Hilfe dieses eigenen Netzwerks wurde eine "neue Offenheit" gegenüber der externen wissenschaftlichen Gemeinschaft propagiert.

Die Struktur des Philip-Morris-Netzwerks zeigt, so die Analyse, deutliche Ähnlichkeiten mit ihren Vorgängern aus dem Umfeld der Tabakindustrie, die im Zuge des "Master Settlement Agreement" aufgelöst werden mussten. Es handelt sich dabei um das "Council for Tobacco Research" (CTR) und das "Center for Indoor Air Research" (CIAR). Anders als bei den beiden Vorgängern, die von mehreren Tabakdrogenfirmen gemeinsam betrieben wurden, befindet sich das "Philip Morris External Research Program" (PMERP) vollständig unter der Kontrolle des Weltmarktführers für Nikotindrogen.

Das in der Wissenschaft übliche "Peer Review", bei dem wissenschaftliche Arbeiten und Ergebnisse von anderen Wissenschaftlern mit der nötigen Qualifikation ("Peers") begutachtet (engl. reviewed) werden, wurde beim neuen Philip-Morris-Forschungsprogramm akribisch durchorganisiert. Das entsprechende Gremium, ein wissenschaftlicher Beirat und eine anonyme Prüfkommission sind nahezu identisch strukturiert wie beim inzwischen aufgelösten CIAR.

Wie aus den Tabakindustriedokumenten zu entnehmen, saß die Mehrheit der rekrutierten Gutachter bereits zuvor mit der Tabakindustrie in einem Boot. Entweder hatten sie finanzielle Unterstützung von den Nikotindrogenproduzenten erhalten, oder sie waren schon als Gutachter für sie tätig. Nur eine Minderheit hatte sich in ihrer Forschungstätigkeit explizit mit Tabak oder dem Rauchen beschäftigt. Die Autoren der Analyse der Philip-Morris-Forschungsaktivitäten kommen zur Schlussfolgerung, dass das Ziel des "Philip Morris External Research Program" in erster Linie die Gewinnung von Entlastungszeugen für das Rauchen und Passivrauchen darstelle. Die wissenschaftliche Integrität des Forschungsprogramms sei zweifelhaft.

Das Forum Rauchfrei benennt Indizien, die ebenfalls Zweifel an den angeblich rein wissenschaftlichen Zielen des Philip-Morris-Forschungsprogramms wecken. In den Tabakindustriedokumenten wurde ein Bericht aus dem Jahr 2004 gefunden, in dem mit akribischer Genauigkeit aufgelistet wird, welche Zuwendungsempfänger des Programms Philip Morris als Sponsor ihrer Veröffentlichungen angegeben haben. Demzufolge wurden in Fachzeitschriften 179 Veröffentlichungen mit namentlicher Nennung des Tabakkonzerns aufgeführt. Präsentationen auf Kongressen enthalten in 406 dokumentierten Fällen Hinweise auf das Forschungsprogramm von Philip Morris. Diese Fakten aus den Tabakindustriepapieren deuten darauf hin, dass nicht die vorgebliche Risikoreduzierung von Zigaretten das eigentliche Ziel des Programms war, sondern die Stärkung des Ansehens des Zigarettenkonzerns.

Weitere Hinweise sprechen gegen das vorgebliche Interesse des Tabakkonzerns an einer Risikoreduzierung seiner Tabakdrogen. Wie das Forum Rauchfrei aus den Tabakindustriedokumenten herausfand, versuchte Philip Morris zeitgleich mit dem Beginn des Forschungsprogramms in der Bundesrepublik, die geplante Senkung der Teer- und Nikotinwerte in Export-Zigaretten zu verhindern. Der damalige Leiter des Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC), Reinhard Pauling, hatte damals Gespräche bis in das Kanzleramt hinein geführt, um weiterhin Zigaretten mit hohen Teer- und Nikotinwerten ungehindert exportieren zu dürfen. Diese sollten in Länder außerhalb der EG verkauft werden, in denen weniger strenge gesetzliche Verbraucherschutzregelungen galten. Diese Bestrebungen des Philip-Morris-Konzerns stehen in krassem Widerspruch zu den vorgeblichen Bemühungen um Risikoreduzierung, die angeblich die Motivation für das "Philip Morris External Research Program" darstellten.

In Folge der zunehmenden Kritik an der Finanzierung von Wissenschaftlern in den USA stellte Philip Morris offiziell das Programm im Jahr 2007 ein. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass das "Philip Morris External Research Program" nach der öffentlichen Enttarnung als Mittel zur eigenen Imageförderung wertlos geworden war. Die Forschung hätte das Geld auch weiterhin gebrauchen können...

Dieser Widerspruch der Ziele der Tabakdrogenindustrie gegenüber den berechtigten Gesundheitsinteressen der Bevölkerung veranlasste das Forum Rauchfrei zu der Forderung an Universitäten und Fachgesellschaften, "sich von der Tabakindustrie eindeutig zu distanzieren und die Annahme von Geldern der Tabakindustrie in ihrem Zuständigkeitsbereich zu verbieten". Insbesondere müsse "den Vertretern der Tabakindustrie der Zugang zur wissenschaftlichen Szene verwehrt werden".

Anlässlich dieser Enthüllungen über das Philip-Morris-Forschungsprogramm rief das Forum Rauchfrei erneut zur Unterzeichnung des im Jahr 2004 ins Leben gerufenen Ethikkodex auf, der die Annahme von Geldern der Tabakindustrie ausdrücklich ablehnt. Der Ethikkodex des Forum Rauchfrei wurde seit seiner Erschaffung von mehr als 50 Organisationen unterschrieben, darunter Forschungseinrichungen und Universitäten, Krankenhäuser, Berufsverbände und Gesundheitseinrichtungen.

Das Forum Rauchfrei hatte die nachfolgend aufgelisteten deutschen Teilnehmer des "Philip Morris External Research Program" mit der Bitte um Stellungnahme und Unterzeichnung des Ethikkodex angeschrieben: Von den Betroffenen antworteten nur Prof. Melitta Schachner und Prof. Thomas Hummel, ohne dabei jedoch direkt Stellung zur Bitte des Forums zu nehmen. Schachner schrieb dem Forum Rauchfrei: "Sonst hatte und habe ich keine Verbindung zur Tabakindustrie...". Und Hummel zeigte immerhin die Einsicht, die "Beantragung solcher Gelder in Zukunft nicht zu planen".

Augenscheinlich ist der Mehrheit dieser Wissenschaftler die Wichtigkeit ihrer Distanz zur Tabakindustrie immer noch nicht bewusst. Es handelt sich keineswegs nur um eine abstrakte Diskreditierung der Wissenschaft durch Forscher, die sich von einer Industrie bezahlen lassen, deren Produkte weltweit jedes Jahr Millionen Menschenleben fordern. Wie bedeutsam die Forderung des Forum Rauchfrei nach einem Ausschluss der Tabakindustrie aus der Forschungsgemeinschaft ist, zeigen die jüngsten Ergebnisse der Analysen von Thomas Kyriss und Nick Schneider, die im Fachmagazin "Prävention - Zeitschrift für Gesundheitsförderung" (Bd.33, S.106, 2010), ausschnittsweise auch in der Süddeutschen Zeitung, veröffentlicht wurden.

Kyriss und Schneider konnten den inzwischen veröffentlichten Dokumenten der Tabakindustrie entnehmen, welche Rolle deutsche Toxikologen spielten, die enge Verbindungen zur Nikotindrogenindustrie pflegten und pflegen. Denn ausgerechnet diese Gruppe von Wissenschaftlern im Dienste der Tabakindustrie säte Zweifel an der Krebsgefahr durch Passivrauchen, obwohl die Studienergebnisse zum Thema eindeutig sind. Trotz zahlreicher, klarer und international anerkannter Forschungsergebnisse zur Krebsgefahr durch Passivrauchen haben diese deutschen Toxikologen öffentlich immer wieder angebliche Widersprüche der erdrückenden Beweislage geäußert. Besonders prekär daran ist, dass diese Zweifler sogar in einschlägigen Gremien der Bundesregierung installiert waren (teilweise sogar noch sind) oder als angebliche Passivrauch-Experten vor dem Bundesverfassungsgericht gehört wurden.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, konnten Kyriss und Schneider aufzeigen wie die internationalen Tabakmultis diese Zweifel systematisch steuerten. Eine Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern der Tabakindustrie und des (inzwischen aufgelösten) Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) hatte entsprechende Ziele formuliert. Die Aufgabenstellung definierte die Erstellung und Verbreitung von Publikationen, die beispielsweise eine Gesundheitsgefahr von Nitrosaminen im Passivrauch auf Grund ihrer vernachlässigbaren Menge als irrelevant darstellen. Weitere akribisch geplante Forschungsprojekte sollten die Gefahr der vom Körper aufgenommen Nitrosamine verharmlosen oder deren Herkunft aus Tabakrauch verschleiern.

Geförderte Wissenschaftler betonten immer wieder, die Tabakindustrie habe keinen Einfluss auf ihre Arbeit genommen. Möglicherweise glauben diese Forscher immer noch fest an diese Sichtweise. Die Beeinflussung bestand jedoch nicht in einer wahrnehmbaren aktiven Einmischung in die Forschungsarbeit oder deren Ergebnisse. Zu Beginn der Forschungsprojekte hatten die verantwortlichen Wissenschaftler der Tabakindustrie bereits alles soweit festgelegt, dass praktisch die Ergebnisse schon feststanden, auch ohne jegliche offensichtlichen Vorgaben. Das einzige, was die Tabakindustrie noch benötigte, waren scheinbar unabhängige Forscher, die scheinbar völlig selbstständig zu den erwarteten Ergebnissen kamen.

Die Tabakindurstrie hatte für die von ihre geförderten Projekte einen exakten Rahmen definiert, der die Grundlage für die Erreichung der gewünschten Ziele darstellte. Nichts wurde dem Zufall überlassen, alles wurde akribisch im Voraus geplant. Die Aufgabenstellung und sogar die Methoden und Hilfsmittel wurden mit größter Sorgfalt festgelegt. Die Tabakindustrie versorgte die externen Wissenschaftler bei Bedarf auch ganz unverfänglich mit dem passenden Informationsmaterial - selbstverständlich aus dem eigenen Netzwerk - sofern die gesponserten Forscher diesbezügliche Lücken zu füllen hatten. Ein weiterer Grund, warum sich für die Tabakindustrie die Auswahl von Forschern auszahlte, die auf dem Gebiet der vorgegebenen Aufgabe noch keine, oder nur sehr wenig, Erfahrung besaßen.

Die mittels Sponsoring geköderten Wissenschaftler waren also nur vorgeschobene Marionetten der Tabakindustrie, um eine scheinbar unabhängige Forschung vorzutäuschen.

Nitrosamine sind zwar nicht die einzigen Krebsauslöser im Tabakqualm, besitzen jedoch eine herausragende Bedeutung in der Erforschung des Krebspotenzials von Tabakdrogen. Auch Philip Morris hatte bereits früh in eigener Forschungstätigkeit herausgefunden, dass krebserregende Substanzen in der Atemluft durch Tabakrauch freigesetzt werden. Diese Informationen wurden jedoch vor der Öffentlichkeit verheimlicht.

Kyriss und Schneider fanden in den internen Tabakindustriedokumenten auch den Beweis, dass Philip Morris die geringe Anzahl von fachkundigen Labors außerhalb der Tabakindustrie ausnutzte, um die Forschung auf diesem Gebiet nach eigenen Wünschen zu beeinflussen. Die extrem teuren Nachweismethoden für Nitrosamine nutzte der Konzern, um gezielte Forschungsgelder scheinbar selbstlos zu vergeben, sich dadurch jedoch den Einfluss auf diesem Forschungsgebiet sicherte. Unabhängige Forschungsprojekte wurden verdrängt, indem der Tabakdrogenhersteller die begrenzten Kapazitäten der Forschungseinrichtungen mit eigenen Projekten blockierte.


Quellen und weitere Informationen:

Beschwerdeautomat
Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen
Petition und Politikeranschreiben für rauchfreie Krankenhäuser
Tabaklobby
Gesundheitswesen
Eckart Fleck
Markus Sauer
Hermann M. Bolt
Thomas Hummel
Ingrid Fleming
Hans Michael Piper
Heidi Foth
Dorothee Dartsch
Wolfgang Pfau
Alan Daugherty
Melitta Schachner
Hans-Anton Lehr
Stephan Lang
Elmar Richter
Hubert Stein
Hansruedi Glatt
Oliver Schmitz
Sponsoring
Ethischer Kodex mit Biss
Sponsoring des ZDF-Sommerfests durch Philip Morris
Junk Art von Philip Morris in der Pinakothek der Moderne
Wissenschaftliche Beratung der Bundesregierung durch Tabaklobbyisten
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