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Jubiläums-Wiesn wird rauchfrei

Festwirte wollen Gesetzesbruch keinen Vorschub mehr leisten

[18.09.2010/pk] Was hatte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) nicht gegen ein Rauchverbot gewettert. Angeblich würde es große Teile der Gastronomie zu Grunde richten, und die ansonsten als so tolerant dargestellten Raucher wurden als unbeugsame Widerstandskämpfer für eine hemmungslose Befriedigung der Nikotinsucht porträtiert. Ganz besonders taten sich die Wiesn-Wirte hervor, die mit ihrem Verein die Umgehung des bayerischen Gesundheitsschutzgesetzes anstrebten. Um die Stimmung noch weiter anzuheizen kündigten sie an, dass mit dem Rauchverbot eine deutliche Preiserhöhung verbunden sein werde. Ein Rauchverbot auf dem Oktoberfest war bereits seit dem ursprünglich verabschiedeten Entwurf der bayerischen Staatsregierung absehbar. Dennoch behaupteten die Wiesn-Wirte unter der Führung von Toni Roiderer felsenfest, von dem nun endgültig per Volksentscheid verabschiedeten Rauchverbot völlig überrumpelt worden zu sein. Damit wäre es angeblich völlig unmöglich, das gesetzliche Rauchverbot bereits auf der Jubiläums-Wiesn in die Tat umzusetzen.

Mit dieser Argumentation zogen sie Berichten zu Folge sogar den Chef des Münchner Kreisverwaltungsreferats, Wilfried Blume-Beyerle, über den Tisch. Dank dessen "liberaler" Haltung ließ sich bereits im Februar der Münchner Stadtrat manipulieren, bei Verstößen gegen das per Volksentscheid beschlossene Gesetz beide Augen zuzudrücken und keine Strafen zu erlassen. In ihrem Eifer hängten sie diesen Beschluss an die große Glocke und luden damit praktisch alle Raucher ein, auf dem Oktoberfest noch einmal hemmungs- und rücksichtslos zu qualmen - es hätte sowieso niemand mit Konsequenzen zu rechnen. Die Diskussionen wurden weiter angeheizt durch die Betreiber von Festzelten in andern bayerischen Städten. Sie hatten sich rechtzeitig auf die Umsetzung eines Rauchverbots vorbereitet und fühlten sich durch die Sonderbehandlung der Wiesn-Wirte benachteiligt. Einige forderten nun ihrerseits Ausnahmeregelungen unter Aufzählung der altbekannten Argumente.

Schließlich kam es zum Eklat, die bayerische Bevölkerung wollte das von ihr per Volksentscheid verabschiedete Rauchverbot nicht bereits vor dem offiziellen Inkrafttreten wieder unterwandert wissen. Kritiker warfen den Münchner Behörden Korruption vor, sie hätten sich von einer kriminellen Vereinigung der Wiesn-Wirte manipulieren lassen. Als kriminelle Vereinigung wurde der Club der Festwirte deshalb betitelt, weil er die Umgehung der geltenden gesetzlichen Regelung betrieben haben soll. Ganz offiziell sollte das Rauchverbot natürlich gelten, wenn auch nur der Form halber. In der Praxis sollten jedoch keine effektiven Maßnahmen, insbesondere keine spürbaren Strafen für uneinsichtige Raucher und Wirte, die gesetzlichen Vorgaben durchsetzen.

Nachdem es von allen Seiten massive Kritik gehagelt hatte, ruderten die Beteiligten zurück. Das Münchner Kreisverwaltungsreferat (KVR) äußerte in einer Pressemitteilung Ende Juli, "selbstverständlich gilt das am 1. August in Kraft tretende absolute Rauchverbot des neuen Gesundheitsschutzgesetzes auch schon 2010 auf dem Oktoberfest". In dieser Pressemitteilung behauptete das KVR weiterhin, trotz des im Februar getroffenen Stadtratsbeschlusses wäre eine Ausnahmeregelung "für das Oktoberfest 2010 durch die Stadt zu keinem Zeitpunkt getroffen" worden. Auch die Androhung, die Festwirte wären sehr wohl für die Einhaltung des Rauchverbots verantwortlich und würden "gegebenenfalls die Konsequenzen tragen müssen", ist das Papier nicht wert auf dem sie geschrieben steht. Schließlich haben die Stadt und das Kreisverwaltungsreferat zuvor ausdrücklich zugesichert, dass niemand auch nur die geringsten Konsequenzen bei Verstößen zu befürchten hat.

Nach diesen Dementi wollten es offensichtlich auch die Wiesn-Wirte nicht auf sich sitzen lassen, als eine Bande von Gesetzesbrechern betrachtet zu werden. Ursprünglich war es ihnen, so ihre früheren lautstarken Behauptungen, angeblich völlig unmöglich, das Rauchverbot bereits zum Oktoberfest 2010 in die Praxis umzusetzen. Ganz plötzlich sollte es nun aber doch machbar sein. Sie erklärten öffentlich, den Willen des Volkes entgegen den früheren Behauptungen doch respektieren zu wollen und das Rauchverbot bereits zur Jubiläums-Wiesn in diesem Jahr umzusetzen.

Der einseitig raucherfreundlichen Haltung der Wirte war ohnehin in den letzten Wochen und Monaten die Glaubwürdigkeit verloren gegangen. Denn wie eine große Anzahl von Festveranstaltungen in ganz Bayern gezeigt hatte, funktioniert das Rauchverbot auch in Festzelten recht ordentlich, wenn nur die Veranstalter ihrer Verantwortung gerecht werden. Das Straubinger Gäubodenvolksfest, das in diesem Jahr von rund 1,2 Millionen Menschen besucht wurde, setzte das Rauchverbot erfolgreich um. Auch die von Raucherlobbyisten prophezeiten Massenproteste wütender Raucher waren ausgeblieben. Diese reibungslose Einführung rauchfreier Festzelte sprach sich herum, so dass sich Regensburger Wirte in Straubing umsahen, um sich auf die Herbstdult in Regensburg vorzubereiten.

Die Veranstalter der mit 1,6 Millionen Besuchern recht bedeutsamen Nürnberger Herbstvolksfests berichteten ebenfalls, mit dem Rauchverbot habe es keine nennenswerten Probleme gegeben. Auf der Passauer Herbstdult wurde das Rauchverbot von den Dultgästen laut Polizeiberichten "brav befolgt". Die erste rauchfreie Wiesn in Rosenheim konnte tatsächlich ohne Zigarettenqualm genossen werden. Ein Journalist, der die Provokation suchte und sich im Festzelt eine Zigarette anzündete, wurde nach 25 Sekunden von einer Bedienung freundlich aber bestimmt nach Draußen gebeten.

In Freising freute sich der zweite Bürgermeister darüber, dass der "Nichtraucherschutz bisher einwandfrei und ohne Gewalt im Bierzelt umgesetzt worden sei - allen Unkenrufen zum Trotz". Die Festwirte des Trostberger Volksfestes berichteten, "das Rauchverbot lässt sich überraschend problemlos umsetzen". Auch die im Vorfeld von Gaststättenverbänden und Raucherlobbyisten schon beinahe gebetsmühlenartig vorgetragenen Warnungen vor Raufereien oder Konflikten zwischen Rauchern und Ordnungshütern oder Rauchern und Nichtrauchern waren ausgeblieben. Von der Oberstimmer Wiesn, dem viertgrößten Volksfest Bayerns, wurde berichtet, mir dem Rauchverbot hätte es "überhaupt keine Probleme" gegeben. Die Wirte des Maisacher Volksfests waren selbst davon überrascht, dass es "überhaupt kein Problem war, das Rauchverbot an den ersten beiden Volksfesttagen in Maisach durchzusetzen". Auch würden die Raucher nicht "pulkartig das Zelt verlassen", wie es die Unkenrufe der Tabakindustrie prophezeit hatten.

Es konnte einhellig beobachtet werden, dass es viele Raucher nun schon einmal eine Stunde ohne Glimmstängel aushalten könnten. Der gesunkene Tabakkonsum bei derartigen Veranstaltungen ist ein Hinweis darauf, warum die Tabaklobby so vehement gegen die Einführung jeglicher rauchfreier Bierzelte gekämpft hatte: die Tabakdrogenhersteller profitieren eben nicht von Nichtrauchern oder der Gesundheit der Bevölkerung. Durch die aktuellen Fakten wurde auch der DEHOGA Lügen gestraft. Der Gastronomenverband hatte sich vehement auf die Seite der Tabaklobby gestellt und mit seinen Märchen vom Gastronomiesterben und Massenschlägereien durch Rauchverbote die Wirte im Vorfeld massiv verunsichert.

Über ein angenehmeres Arbeitsklima freuen sich nun die Musiker und Tontechniker, die für die musikalische Begleitung in gemütlicher Bierzeltatmosphäre sorgen. Ein Musiker, der seit 35 Jahren mit seiner siebenköpfigen Band jährlich etwa 65 Volksfestauftritte bestreitet, spricht von einem "guten Gefühl". Bislang musste die Gruppe bei ihren Auftritten "große Nikotinschwaden aushalten". Ab sofort haben nicht rauchende Kellerinnen und Kellner wieder die Motivation und Chance, einen lukrativen Job im Bierzelt anzunehmen, ohne Angst vor Kopfschmerzen oder einem Asthmaanfall haben zu müssen.

Positive Bilanz zieht auch Hans Schaidinger (CSU), Oberbürgermeister von Regensburg und Vorsitzender des Bayerischen Städtetages. Er sieht einen deutlichen Vorteil in der nun klaren und eindeutigen Regelung. Es gibt deshalb so wenig Probleme, "weil ganz klar sei, was erlaubt ist und was nicht und dies konsequent umgesetzt werde".

Somit stehen die Chancen gut, dass das heute offiziell beginnende 200. Münchner Oktoberfest endlich rauchfrei wird. Insbesondere die Gäste aus den USA und Japan, die deutlich mehr Rücksicht von Rauchern gewohnt sind, können nun die Wiesn ohne Geruchsbelästigung und Gesundheitsgefahren durch Tabakqualm genießen. Aber auch viele Besucher aus dem europäischen Ausland, wie beispielsweise Italien, Irland oder Großbritannien, müssen nun nicht mehr kopfschüttelnd über die ausufernde Zwangsberauchung in Deutschland nach Hause zurückkehren. Um die Raucher unter den Wiesn-Besuchern zum Durchhalten zu motivieren, wurde eine einfache Regel festgelegt: Wer sich im Bierzelt eine Kippe anzündet, bekommt nichts zu trinken.


Quellen und weitere Informationen:

Beschwerdeautomat
Beschwerde über Verstoß gegen Gleichstellung behinderter Menschen
Petition zum Schutz der Beschäftigten in der Gastronomie vor Zwangsmitrauchen
Abschiedsbrief an Restaurant wegen Rauchbelastung
Anfrage nach rauchfreien Restaurants
Gastronomie
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Rauchfreie Gastronomie in Deutschland auf Erfolgskurs
Rauchverbot in der Öffentlichkeit fördert Rücksichtnahme im privaten Bereich
Seit 2011 keine Subventionen mehr für Tabakanbau in Europa
Bayern feiert einjähriges Nichtraucherschutzgesetz
Nichtraucherschutz in der deutschen Gastronomie
Bayerisches Gesundheitsschutzgesetz besteht erneute Bewährungsprobe
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