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Philip-Morris-Forschungspreis am Ende

Still und leise löst sich ein Marketing-Instrument der Tabaklobby in Rauch auf

[03.01.2009/pk] Ohne Vorankündigung, ja ohne jeglichen Kommentar, verschwand der Philip-Morris-Forschungspreis von der Bildfläche. Nur dem aufmerksamen Beobachter, der sich näher mit diesem Marketing-Instrument des weltgrößten Tabakkonzerns befasste, fiel auf, dass es im Jahr 2008 überhaupt keine Preisträger gegeben hatte. Ein Blick auf die Internet-Seiten der Philip-Morris-Stiftung offenbart, dass der Preis am Ende ist. Ohne weitere Begründung war er sang- und klanglos eingestellt worden. Die Webseite verkündet lapidar, dass eine Bewerbung für den Forschungspreis seit 2008 nicht mehr möglich ist.

Wie konnte es bei diesem angeblich so ehrbaren und angesehen Wissenschaftspreis so plötzlich dazu kommen? Erste große Protestaktionen gegen den Philip-Morris-Forschungspreis fanden im Jahr 2006 statt, als sich Vertreter zahlreicher Gesundheits- und Studierendenorganisationen über diese Form des Tabaklobbyismus und Einflussnahme auf Spitzenforscher öffentlich entrüsteten und vor dem Veranstaltungsort in der Wappenhalle am ehemaligen Flughafen München-Riem demonstrierten. Die nominierten Wissenschaftler, aber auch Kuratoriumsmitglieder und Festredner aus Politik und Forschung sahen sich bereits vor dem Tag des Festakts mit entsetzten und fassungslosen Briefen wegen Ihrer Teilnahme an dieser Tabaklobbyveranstaltung konfrontiert. Eines wurde klar: ihre Glaubwürdigkeit und ihre moralische Integrität hatte durch das Bekanntwerden ihrer Verstrickung in die Affären des Philip-Morris-Konzerns beachtlichen Schaden erlitten.

Auch die Philip-Morris-Stiftung sah durch diese Entwicklung offensichtlich ihr Ziel gefährdet, das Image des Zigarettenproduzenten durch diese Marketing-Kampagne aufzupolieren. War der Veranstaltungsort 2006 noch öffentlich angekündigt und im Internet zu finden, so war die Preisverleihung im folgenden Jahr 2007 an einen geheimen Ort verlagert worden, von dem nur die tabakindustrietreuen Gäste Kenntnis erhielten. Zum 25-Jährigen Jubiläum des Philip-Morris-Forschungspreises erscheint diese Heimlichtuerei doppelt merkwürdig. Öffentliche Presse war, wie auch zuvor schon bei praktisch allen Veranstaltungen der lichtscheuen Tabakindustrie, nicht erwünscht.

Diese Vorgehensweise erinnert ganz fatal an Fernsehkrimis und Groschenromane, in denen die ehrenwerten Herren geheime Treffen im Untergrund veranstalten. Jedoch ist selbst bei geschlossener Einigkeit der Untergrundbarone ein gewisses Wohlwollen der offiziellen Stellen erforderlich, ohne das zwielichtige Geschäfte nicht gedeihen können. So werden führende Persönlichkeiten aus der Politik und Wissenschaft, hochrangige Beamte, Richter und andere Amtsträger mit großzügigen Geschenken (natürlich ganz legal über die Partei etc. abgewickelt) oder Einladungen zum Festbankett zu Mitwissern und Mittätern gemacht, die dann gegenüber dem freundlichen Sponsor gerne mal ein Auge zudrücken.

Natürlich ist Öffentlichkeit Gift für derartige Aktivitäten und deshalb tunlichst zu vermeiden. Schließlich könnte man durch das Bekanntwerden prekärer Geheimnisse und Aktivitäten noch weiter in Verruf, oder gar ins Visier der Strafverfolgungsbehörden geraten. Deshalb führt besonders die Zigarettenindustrie ein strenges Regiment über alles was an die Öffentlichkeit gelangen darf. So wird auch klar, warum keine unabhängige Presse, oder gar andere kritische Personenkreise, über derlei Veranstaltungen berichten durften, sondern Philip-Morris diese Aufgabe selbst in die Hand nahm.

Die Förderung der Wissenschaft war nur ein Vorwand für den Philip-Morris-Forschungspreis. Die Preisträger mussten sich einem umfangreichen Regelwerk der Philip-Morris-Stiftung unterwerfen, insbesondere musste jede öffentliche Kommunikation mit der Philip-Morris-Stiftung "abgestimmt" werden, wie es offiziell heißt. Im Klartext bedeutet das nichts anderes als eine Zensur im Sinne der Tabakindustrie.

Letztendlich verlor der Philip-Morris-Konzern ganz offensichtlich trotz dieser intensiven Bemühungen die Kontrolle über seine "offene und konstruktive Kommunikation", wie sie der Tabakmulti gerne bezeichnete. Auch in der Welt der Wissenschaft scheint inzwischen die Botschaft angekommen zu sein, dass eine Zusammenarbeit mit der Tabakindustrie weder finanziell noch für das eigene Image von Vorteil und zudem auch moralisch nicht vertretbar ist.

Dass der Philip-Morris-Forschungspreis so plötzlich und ohne Vorankündigung die Segel strich, ist sicherlich nicht ausschließlich dem für ein Marketing-Instrument tödlichen rapiden Image-Verlust zuzuschreiben. Nachdem inzwischen die Wissenschaft, nicht zuletzt auch durch die Proteste des wissenschaftlichen Nachwuchses, ihre Lektion über die Tabakindustrie gelernt hatte, wollte sich gewiss kein ernsthafter Wissenschaftler mehr für den PM-Forschungspreis bewerben. Die Tabak-Stiftung gab zu derartigen Details wie gewohnt keine Stellungnahmen ab.

Gegenüber dem Forum Rauchfrei hatte eine Mitarbeiterin von Philip Morris im letzten Dezember telefonisch erklärt, "dass der Forschungspreis seine Funktion erfüllt habe und daher eingestellt werde". Die Tabak-Stiftung werde jedoch weiterarbeiten und plane eine "Organisation für allgemeine gesellschaftliche Zukunftsprobleme". Philip Morris folgt damit dem Beispiel des Konkurrenten BAT und seiner "Stiftung für Zukunftsfragen". Um einen Vorgeschmack auf die neuen Image-Aktivitäten zu geben sei nur erwähnt, dass offensichtlich nicht ganz zufällig bei der "Stiftung für Zukunftsfragen" die Problematik des legalen Drogenkonsums (insbesondere Alkohol und Tabak) komplett vergessen wird, und durch eine Vielzahl von teilweise recht absurd anmutenden Spekulationen über die Probleme von morgen ganz einfach verdrängt werden soll.

Die Aussage der Philip-Morris-Mitarbeiterin, dass der Philip-Morris-Forschungspreis seinen Zweck nun erfüllt hätte, spricht Bände hinter den offiziellen Verlautbarungen der Philip-Morris-Stiftung. Die Wissenschaft benötigt weiterhin dringend finanzielle Unterstützung, erst recht zu derart schwierigen wirtschaftlichen Zeiten wie sie aktuell herrschen. Was jedoch tatsächlich ausgedient hat, ist die Rolle des Philip-Morris-Forschungspreises als Marketinginstrument der Tabakindustrie, denn die Reputation ist durch das Bekanntwerden unangenehmer Details inzwischen verloren gegangen.

Bei der Aufdeckung und Veröffentlichung dieser Details hat sicherlich das Internet eine große Rolle gespielt. Denn dieses dezentrale Netzwerk konnte die Tabaklobby - anders als die konventionellen Medien in den letzten Jahrzehnten - beim besten Willen nicht mehr kontrollieren. Gerade die vielen kleinen und großen Initiativen, die in keiner Weise direkt oder indirekt auf die Werbeeinnahmen seitens der Tabakindustrie angewiesen sind, lassen sich auch nicht wie die konventionellen Medien durch die Drohung von Auftragsentzug erpressen. Im Gegensatz dazu ist immer noch zu beobachten, dass viele große Medien- und Presseanstalten weiterhin vor der Veröffentlichung unangenehmer Wahrheiten über die Tabakindustrie zurückscheuen, während die Skandale auf den Webseiten unabhängiger Organisationen zu finden sind.

Abschließend sei an dieser Stelle noch erwähnt, wem die zweifelhafte Ehre gebührt, sich als die letzten traurigen Wissenschaftler-Marionetten vom Philip-Morris-Forschungspreis kaufen zu lassen: Fazit: Der Philip-Morris-Forschungspreis hat ausgedient, moderne Wissenschaftler lassen sich nicht mehr von der Tabakindustrie kaufen. Als logische Konsequenz muss die Philip-Morris-Stiftung aufgelöst werden, und ihr Vermögen in einen - neu zu gründenden und von jeglichen Drogenproduzenten absolut unabhängigen - Entschädigungsfonds für Tabakopfer und ihre Hinterbliebenen übertragen werden. Im zweiten Schritt ist der Einzug des gesamten Vermögens der Tod bringenden Tabakdrogenindustrie notwendig, um die von ihr angerichteten Schäden über den Entschädigungsfonds wenigstens ansatzweise auszugleichen.


Quellen und weitere Informationen:

Beschwerdeautomat
Anfrage wegen Sponsoring durch die Tabakindustrie (Hochschulen und Forschungseinrichtungen)
Peinliche Werbung mit Philip-Morris-Forschungspreis bitte entfernen
Philip-Morris-Forschungspreis existiert nicht mehr
Aufforderung zur Ablehnung von Ehrungen und Preisen der Tabakindustrie
Anfrage wegen Tabakwerbung in Zeitungen, Zeitschriften etc.
Anfrage wegen Sponsoring durch Tabakindustrie (Verbände und Parteien)
Tabaklobby
Wissenschaft
Universität Mainz
Immanuel Bloch
Universität Köln
Axel Ockenfels
Freie Universität Berlin
Sebastian Conrad
LMU München
Patrick Cramer
Politik
Sponsoring
Ethischer Kodex mit Biss
Sponsoring des ZDF-Sommerfests durch Philip Morris
Junk Art von Philip Morris in der Pinakothek der Moderne
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