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Tabakindustrie beutet Kinder aus

Immer neue Rekordgewinne auf Kosten der Schwächsten

[24.07.2010/pk] Vor wenigen Tagen berichtete das Handelsblatt, der internationale Tabakkonzern Philip Morris hätte seinen Nettogewinn im zweiten Quartal um 28 Prozent auf fast 2 Milliarden US-Dollar gesteigert. Mit welchen Methoden der Tabakmulti seine gewaltigen Einnahmen erzielt brachte nun ein Bericht des Spiegel ans Tageslicht, nach dem Philip Morris von Kinderarbeit in Kasachstan profitiert.

Die von den Spiegel-Reportern besuchten kasachischen Tabakplantagen sind von Philip Morris als einzigem Tabakaufkäufer abhängig. Um dem Preisdruck des Tabakkonzern standhalten zu können werden dort illegale Wanderarbeiter beschäftigt, die jedes Jahr zu Millionen aus den Nachbarstaaten ins Land kommen. Sie arbeiten meist ohne Verträge und erhalten weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von umgerechnet 75 Euro monatlich. Damit die Arbeiter nicht vorzeitig weglaufen, nehmen ihnen die Plantagenbesitzer die Pässe ab und den Lohn gibt es erst nach Beendigung der Tätigkeit.

Auf den Tabakplantagen müssen oft schon zehnjährige Kinder mitarbeiten, ein Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen und gegen die Gesetze Kasachstans. Statt eine vernünftige Ausbildung zu erhalten müssen die Kindern den ganzen Tag unter Bedingungen arbeiten, die selbst für Erwachsene als hart zu bezeichnen sind. Die gesundheitsgefährdende Arbeit erfolgt ohne Schutzkleidung, Erwachsene und Kinder gleichermaßen sind den Pestiziden und Düngemitteln schutzlos ausgesetzt. Zudem nehmen sie an feuchten Tagen eine Nikotindosis auf, die einem Konsum von etwa 36 Zigaretten entspricht. Hautreizungen und Übelkeit sind die Folge der "Grünen Tabakkrankheit".

Der Spiegel-Recherche ging ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch voraus. In "Hellish Work: Exploitation of Migrant Tobacco Workers in Kazakhstan" dokumentiert die Menschenrechtsorganisation auf 115 Seiten unter anderem zahlreiche Fälle von Kinderarbeit auf den Tabakplantagen. Als Human Rights Watch die Ergebnisse dem Tabakgiganten Philip Morris International vorlegte, versprach das Unternehmen, "2010 eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, um Missbrauch zu verhindern und zu beseitigen".

Philip Morris erklärte gegenüber Pressetext seine Dankbarkeit über die Aufklärung der Missstände durch die Menschenrechtsorganisation. Peter Nixon, Vice President Communications & Contributions: "PMI ist absolut gegen Kinderarbeit und alle anderen Formen von Arbeitsmissbrauch. Wir arbeiten mit Lieferanten, der Regierung und Interessengruppen zusammen. Kinderarbeit in unserer Supply Chain wirken wir entgegen. Wir haben die vertraglichen Verpflichtungen für Farmer verstärkt. Außerdem implementiert PMI ein System, das Monitoring ermöglicht und die Einhaltung von Standards sicherstellt. Niemand soll unter ungesetzlichen und unsicheren Bedingungen arbeiten."

Das Forum Rauchfrei kommentierte die Haltung des Tabakkonzerns wie folgt: "Ähnliche Widersprüche finden wir bei der Tabakindustrie regelmäßig. Sie tritt verbal für Jugendschutz ein aber animiert Kinder und Jugendliche auf Großplakaten zum Rauchen. Sie setzt sich in ihren Schriften für das Abgabeverbot von Zigaretten ein, aber weiß, dass sich die Verkäufer mehrheitlich nicht daran halten. Sie exportiert massenweiße Zigaretten und wundert sich nicht, dass sie wieder als Schmuggelware zurückkommen. Sie spricht an erster Stelle von 'Verantwortung' aber..."

In der Tat sieht sich Philip Morris nicht zum ersten Mal dem Vorwurf der Begünstigung von Kinderarbeit ausgesetzt. Am 24. August 2009 berichtete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) über "Kinderarbeit auf Tabakplantagen mit Hochrisiko" und über "Nikotinvergiftungen bei Minderjährigen in Malawi". Die Organisation Plan International hatte damals angeprangert, etwa 80.000 in Malawi als Tabakpflücker arbeitende Kinder seien "einer gefährlich hohen Nikotinbelastung ausgesetzt". Laut NZZ erklärte der Tabakkonzern Philip Morris, "er kaufe Tabak von Lieferanten in Malawi auf, besitze dort selbst aber keine Plantagen. Lieferanten müssten zusagen, keine Mitarbeiter unter 15 Jahren oder dem jeweils gültigen Mindestarbeitsalter zu beschäftigen".

Die Kampagne Rauchzeichen! berichtete bereits im Jahr 2007 von der Ausbeutung von Kindern in Malawi und die Rolle des Philip-Morris-Konzerns dabei. Auf der Kampagnen-Webseite wird eine Reihe von Quellen genannt, die sich bereits in den vorangegangenen Jahren kritisch mit der verbreiteten Kinderarbeit im Tabakanbau auseinandergesetzt hatten. Marty Otanez' Dokumentarfilm "Thangata" aus dem Jahr 2002 greift das Problem ebenfalls auf. David Nicoli, Vice President Corporate Affairs Strategy and Social Responsibility bei Philip Morris, hatte im gleichen Jahr auch eine schöne Rede über den Kampf gegen Kinderarbeit im Tabakanbau gehalten. An den Geschäftspraktiken des Tabakmultis hat sich jedoch offensichtlich nichts Nenneswertes geändert.

Die kanadische Zeitung "Montreal Gazette" berichtet in diesem Zusammenhang über weitere kinderfeindliche Aktivitäten des Philip-Morris-Konzerns. So hatte der Tabakkonzern beispielsweise im Jahr 2008 in Indonesion ein Konzert der Sängerin Alicia Keys gesponsert, die besonders bei Teenagern sehr beliebt ist. Auf Druck der Sängerin, die sich gegen die Vereinnahmung von Jugendlichen als Zielgruppe gewehrt hatte, musste Philip Morris diese Sponsoring-Aktivitäten einstellen. Dies geschah jedoch nur durch die Initiative der Sängerin, nicht etwa aus Eigenverantwortung des Tabakgiganten.

Philip Morris ist nicht der einzige Tabakkonzern, der die Tabakbauern und ihrer Familien ausbeutet. In Brasilien, dem weltgrößten Tabakexporteur, werden beispielsweise 47.500 Tabakanbauer im so genannten "Vertragssystem" kontrolliert. Dieses System verpflichtet sie direkt für Souza Cruz, ein Tochterunternehmen der British American Tobacco Inc. Vertraglich werden die Pflanzer verpflichtet, wieviel Land bebaut, welche Art Saatgut verwendet und wann welche Pestizide und Dünger zum Einsatz kommen dürfen. Diese Richtlinien werden von Kontrolleuren der Souza Cruz regelmäßig überwacht.

Wenn es um menschenwürdige Arbeitsbedingungen geht, dann sorgt sich bei den beherrschenden Tabakfirmen niemand um den Schutz der Vertragsbauern und ihrer Familien. Wie die Kampagne Rauchzeichen! berichtet, vertritt der Mutterkonzern BAT zwar "den Standpunkt, dass die weltweit anerkannten menschlichen Grundrechte gewahrt werden sollen". Die Formulierung lässt bereits erkennen, dass es sich dabei um einen unverbindlichen Wunsch handelt, ohne die geringste Verpflichtung. So wird trotz dieses Lippenbekenntnisses den Tabakbauern beispielsweise der Gebrauch von Pestiziden wie Confidor oder Orthene vorgeschrieben. Diese Chemikalien werden von der WHO als giftig eingestuft (Gefahrenklasse II) und führen zu schweren Vergiftungen, die z.B. Depressionen auslösen. Dennoch müssen sogar sechsjährige Kinder mitarbeiten und ohne Schutz mit diesen gefährlichen Unkrautvernichtungsmitteln umgehen.

Schon Ende der 90er Jahre wurde an diesen Praktiken öffentlich Kritik geübt. Dennoch hat sich an der grausamen Realität für die ausgebeuteten Tabakbauern und ihre Familien offensichtlich nichts Wesentliches geändert, wie ein Bericht des Schweizer Fernsehens vom 6. April 2010 verdeutlicht. Vor und nach der Schule arbeiten selbst zehnjährige Kinder für die aufwändige Tabakernte, die sehr viel Handarbeit erfordert. Dies sei selbst den Zuständigen in der Industrie bekannt, werde jedoch toleriert, solange die Kinder zur Schule gehen. Ohne die Hilfe der Kinder ist die vertraglich festgelegte Arbeit nicht zu schaffen.

Durch die Berührung mit den feuchten Tabakblättern nimmt der Körper das Nikotin der Pflanze auf. Die Wissenschaftlerin Rosa Wolff, die die Wirkung von Wirkung von Tabak auf den menschlichen Organismus seit vielen Jahren erforscht, hat ermittelt: "Wer während vier Stunden Tabakblätter erntet und dabei noch schwitzt, vergiftet seinen Körper so stark mit Nikotin wie jemand, der 20 Zigaretten raucht." Das ist selbst für einen Erwachsenen eine beachtliche Dosis, noch viel schlimmer ist die Wirkung für die Kinder. Also Folge leiden sie, wenn sie während der Ernte monatelang oft zwölf Stunden am Tag und mehr auf der Plantage arbeiten, häufig unter den Symptomen der grünen Tabakkrankheit: Fieber, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Atemnot.

Auch in Brasilien ist Kinderarbeit verboten. Dennoch beutet die Tabakindustrie Kinder und Jugendliche aus, wie eine Ermittlerin des Ministeriums für Arbeit in Curitiba gegenüber dem Schweizer Fernsehen erläutert. Sie hat 18 Verfahren gegen die Tabakindustrie laufen. Dennoch unternimmt die Industrie nach ihren Worten überhaupt nichts, um diese "für die Gesundheit der Kinder höchst gefährliche" Arbeit zu verhindern. Der Direktor des Tabakeinkäufers Souza Cruz äußert dazu nur lapidar, "wenn jemand Kinder arbeiten lässt, ist das sein Entscheid".

Fazit: Ob in Kasachstan, Brasilien oder Malawi, die Tabakindustrie steigert ihre gigantischen Gewinne immer weiter auf Kosten der Ärmsten und Schwächsten. Nicht einmal vor dem Missbrauch von Kindern für die Steigerung des eigenen Profits schrecken die Nikotindrogenhersteller zurück. Diese menschenverachtende Geschäftspolitik erstreckt sich auf die in eine gnadenlose Abhängigkeit getriebenen Tabakbauern ebenso wie die in die Abhängigkeit getriebenen Konsumenten der Tabakprodukte. Kinder in den Entwicklungsländern sind die billigsten Arbeitskräfte, die ihrem Schicksal nicht entrinnen können. Und Kinder in den Industrieländern sind die am leichtesten manipulierbare Zielgruppe, die der Sucht meist bis zu ihrem vorzeitigen Ableben ausgeliefert sind, wenn sie ihr erst einmal verfallen sind.


Quellen und weitere Informationen:

Anmerkungen:

Trotz dieser erschreckenden Faktenlage verleiht die weltfremde und verantwortungslose Familienministerin Kristina Schröder der BAT ein Zertifikat als "familienfreundliches Unternehmen". Ihre Verantwortungslosigkeit im Mäntelchen der Volksvertreterin toppt sie noch dadurch, dass sie bei Abgeordnetenwatch eine öffentliche Stellungnahme zu dieser Idiotie verweigert.
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